Auf den Spuren ihres Vaters: Dorit Yaron aus den USA besucht Diez

Tochter eines Holocaust-Überlebenden zu Gast im Diezer Rathaus – Historische Dokumente geben neue Einblicke in die Geschichte des ehemaligen jüdischen Kinderheims

Mehr als 90 Jahre liegen zwischen dem Schulbesuch eines jüdischen Jungen in Diez und der Spurensuche seiner Tochter in der Stadt. Für Dorit Yaron aus dem US-Bundesstaat Maryland war der Besuch deshalb weit mehr als eine Reise in die Vergangenheit. Die Tochter des Holocaust-Überlebenden Max Zellmann, der zwischen 1934 und 1935 im damaligen Deutsch-Israelitischen Kinderheim in Diez, Schlossberg 23 lebte, wollte mehr über die Kindheit ihres Vaters erfahren. Im Diezer Rathaus wurde sie vom Beigeordneten Axel Fickeis empfangen. Begleitet wurde sie von Michael Ströder und Thomas Rösel, die sich beide im „Arbeitskreis Stolpersteine“ des Museums- und Geschichtsvereins Diez engagieren und die beide während des Gesprächs auch übersetzten. 

Mordechai „Max“ Zellmann wurde 1928 in Frankfurt am Main geboren. Nachdem seine Mutter 1933 in eine psychiatrische Einrichtung gekommen war, wuchs er zunächst im jüdischen Kinderheim in Neu-Isenburg auf. Im Frühjahr 1934 wechselte er nach Diez, wo er im Deutsch-Israelitischen Kinderheim Aufnahme fand und die örtliche Volksschule besuchte. 

Bei ihrem Besuch konnte Dorit Yaron nun unter anderem ein historisches Dokument einsehen, das den Aufenthalt ihres Vaters in Diez belegt: Im Aufnahmebuch der damaligen Volksschule ist Max Zellmannunter dem Datum des 17. April 1934 eingetragen.  

Seine Zeit in Diez endete gewaltsam. Am 20. August 1935 wurde das jüdische Kinderheim Ziel eines nationalsozialistischen Pogroms. Die Bewohner mussten die Einrichtung verlassen und wurden von zwei Polizisten die Schlosstreppe hinunter in die Stadt geführt. Darauf weist die Gedenktafel am oberen Ende der Schlosstreppe hin, die Dorit Yaron während ihres Besuchs ebenfalls sah. Emotional wurde es für sie, als sie den Schritten ihres Vaters die Schlosstreppe hinunter folgte.  

Max Zellmann kam nach dem Diezer Pogrom 1935 in die Israelitische Waisenanstalt am Röderbergweg in Frankfurt am Main. Nach den Novemberpogromen 1938 gelangte er mit einem von Isidor Marx, dem Leiter der Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt organisierten Kindertransport gemeinsam mit weiteren jüdischen Kindern am 6. Dezember 1938 ins Elsass. Nach der Besetzung des nördlichen Teils von Frankreich durch die Wehrmacht im Juni 1940 waren die Kinder dort nicht mehr sicher und wurden nach Südfrankreich gebracht. Dort verbrachten sie mehrere Jahre unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen. Immer wieder waren die Kinder auf Hilfe und Verstecke angewiesen, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Im Sommer 1944 gelang Zellmann schließlich die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien. Von Cádiz aus erreichte er im November desselben Jahres mit dem Schiff „Guinea“ das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. 

Dort begann für ihn ein neues Leben. Unter dem Namen Mordechai Yaron heiratete er seine ebenfalls aus Deutschland geflüchtete Frauund wurde Vater zweier Kinder. Später erfüllte er sich seinen Berufswunsch, studierte in Frankreich Landschaftsarchitektur und machte sich selbstständig. 2019 starb er im Alter von 90 Jahren. 

Dass Dorit Yaron heute so viel über die frühen Lebensjahre ihres Vaters weiß, ist keineswegs selbstverständlich. Wie viele Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung sprach auch er kaum über seine Erlebnisse in Deutschland und Frankreich. Erst in den vergangenen anderthalb Jahren habe sie durch historische Dokumente und den Austausch mit deutschen Geschichtsforschern ein wesentlich vollständigeres Bild seiner Kindheit gewinnen können, berichtete Yaron. 

Eine wichtige Rolle spielte dabei die Erinnerungsarbeit in Diez, insbesondere das Engagement des „Arbeitskreises Stolpersteine“. Bereits 2023 waren zur Einweihung des jüdischen Gedenkwegs zahlreiche Nachkommen ehemaliger Bewohner des Kinderheims aus Israel angereist. Diese Begegnungen führten schließlich auch zu Dorit Yaron. 

Beim Empfang im Rathaus ging es deshalb nicht nur um historische Fakten, sondern auch um die Frage, wie die nachfolgenden Generationen mit dieser Geschichte umgehen. Yaron berichtete, dass sie ihrer Reise nach Deutschland zunächst mit gemischten Gefühlen entgegengesehen habe. Ihre bisherigen Begegnungen in Berlin, Frankfurt und Neu-Isenburg hätten ihr jedoch gezeigt, wie ernsthaft sich viele Menschen heute mit der jüdischen Geschichte und der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzen. 

v.l.n.r.: Thomas Rösel, Dorit Yaron, Beigeordneter Axel Fickeis und Michael Ströder

Die Generation ihrer Eltern habe vielfach jeden Kontakt zu Deutschland vermeiden wollen. Für die Kinder der Überlebenden sei eine solche Annäherung noch immer nicht einfach, aber inzwischen eher möglich. Erinnerung und neue Begegnungen müssten sich dabei nicht ausschließen, machte Yaron deutlich. 

Auch Beigeordneter Axel Fickeis unterstrich die Bedeutung persönlicher Begegnungen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Er berichtete von internationalen Jugendbegegnungen im Fußball, bei denen unter anderem junge Sportler aus Israel und Tunesien nach Diez gekommen waren. Gerade unter den Jugendlichen habe es kaum Berührungsängste gegeben. Vorbehalte seien eher bei den erwachsenen Betreuern zu überwinden gewesen. 

Für den weiteren Aufenthalt in Diez waren Besuche verschiedener Gedenkorte vorgesehen, darunter Stolpersteine in der Innenstadt, der frühere Standort des jüdischen Kinderheims und der jüdische Friedhof. Auch ein Besuch im Museum im Grafenschloss stand auf dem Programm. 

Für die Kunsthistorikerin Dorit Yaron hat diese Spurensuche einen besonderen persönlichen Wert. Ohne die erhaltenen Dokumente und die Nachforschungen vor Ort hätte sie von vielen Stationen der Kindheit ihres Vaters möglicherweise nie erfahren. Ihr Besuch machte zugleich deutlich, welche Bedeutung historische Archive und die ehrenamtliche Erinnerungsarbeit bis heute haben: Sie helfen dabei, Lebensgeschichten zu rekonstruieren, die durch die nationalsozialistische Verfolgung und das jahrzehntelange Schweigen vieler Überlebender nur bruchstückhaft überliefert wurden.

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