April 2026
Neujahrsbrief Friedrichs II. von Preußen an den Fürsten von Schaumburg, 1765
Bis zum frühen 19. Jahrhundert war Deutschland in viele kleine und kleinste Einzelstaaten unterteilt, regiert von Königen, Fürsten, Herzögen, Grafen und anderen Rängen des mittleren und hohen Adels. An das nassauische Diez grenzten unter anderem das trierische Limburg und das Fürstentum Anhalt-Bernburg-Schaumburg-Hoym. Viele Angehörige des herrschenden Adels waren mindestens weitläufig und oft über Ehen in mehreren Vorgängergenerationen miteinander verwandt. Der europäische Adel hatte daher allen Grund, sich wie eine große Familie zu fühlen. Die Verwandtschaft konnte im günstigsten Fall ein freundschaftliches Verhältnis jenseits politischer oder wirtschaftlicher Konkurrenz und Abhängigkeit bedeuten.
Ein anschauliches Beispiel dafür liefert ein Antwortbrief Friedrichs II, König in Preußen, auf einen Neujahrsglückwunsch des weitläufig verwandten Fürsten Victor I. Amadeus Adolf auf Schloss Schaumburg:
„Hochgebohrner Fürst, freundlich Lieber Vetter und Gevatter. Ew: L Glückwunsch zu dem angetretenen neuen Jahre ist mir abermahliges Merkmahl der mir sehr verehrten Freundschaft. In dieser Absicht ist mir derselbe besonders angenehm und ein neuer Bewegungs Grund zu dem aufrichtigsten Wünschen für dero unverrücktes Wohlergehen und Vergnügen. Der Ich übrigends jederzeit verbleibe Ew: Liebde, Freundwilliger Vetter und Gevatter.
Friedrich
Berlin d 15 Jan: 1765.“
So lautet der Brief eines mächtigen Königs an seinen 18 Jahre älteren Fürstenkollegen. Dieser war machtpolitisch völlig unbedeutend, hatte aber immerhin als Jugendlicher 1711/12 gemeinsam mit Preußen in der Großen Allianz gegen Frankreich sein Leben riskiert. Dabei war er sogar in Gefangenschaft geraten. Die schwachen verwandtschaftlichen Bande und vielleicht auch diese kriegerische Vorgeschichte waren für Friedrich II. Anlass genug, auf den Glückwunschbrief Victors zu antworten. Den Brieftext aber ließ er von einem Schreiber zu Papier bringen. Von der Hand Friedrichs stammt nur seine Unterschrift.
Der Brief ist eine freundliche Leihgabe von Ralf Fischer zu Cramburg.
